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Peter Herrmann
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20.8.2018
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Herrmanneutik

 

Es hätte ein Fachartikel werden sollen, - dann uferte es aus.

 

Wird nochmal ein ganz klein wenig überarbeitet
- aber nicht gekürzt

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Restitution, Handel und Afrika | Wert | Heilig, symbolisch und profan | Metallwert | Afrika hat Schulden an Europa | Ort | Handel und Hemmnisse | Restitution und Geschichtsfälschung | Medien, Sensationen und: Raubkunst | Ethnologie und Politik. Frankreich und Deutschland | Ursachen von Migration und die Kunst | Andere Schwerpunkte statt Rückführungen | Noch mehr Vorschläge für Kooperationen | Letzte Anmerkungen | Links

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Restitution, Handel und Afrika
 
Restitution ist die Rückgabe von Objekten, die vor längerer Zeit von einem Ort an einen anderen gebracht wurden. Bezogen auf Afrika derzeit also vorwiegend Kunstwerke, die aus einem meist dörflichen Umfeld zum Zwecke eines Näherkennenlernens vor sehr langer Zeit zunächst als Kuriosität in Kabinetten der Aristokratie landeten, dann in Museen zur völkerkundlichen Bildung einer breiteren wissenshungrigen Öffentlichkeit vorgestellt wurden und dann den Kunstmarkt in Europa und ein klein wenig den Nordamerikas bedienten. Objekte, von denen über die Zeit fast nie mehr festgestellt werden kann, ob es eine juristische Legitimation für deren Entfernung aus ihrem ursprünglichen Kontext gab.

Die heutige Sicht auf dieses Thema wird beeinflusst durch freischaffende Kunsthistorikerinnen und Ethnologinnen, die mangels vorhandener Anstellungsverhältnisse ihre Arbeitsfelder selbst gestalten müssen, um mit geeigneten Themen Projektförderung und so neue Einkommensquellen zu erschließen. Unterstützt werden sie von weiteren geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit diversen Ideologien vermischen. Eine von Interessen unabhängige, neutrale Einschätzung wird durch diese individuelle Gemengelage schwierig. Wenn dann von den, was afrikanischen Kunst betrifft, meist Unkundigen die Moral als wichtigstes Werkzeug hervorgeholt wird, beginnen Gespräche zum Thema „Rückführungen“ endgültig kompliziert zu werden, denn Kunstobjekte werden so in einen ihnen zunächst wesensfremden Wertekanon gestellt.

Ebenfalls beteiligt an diesen Gesprächen um Restitution sind ein paar wenige Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern Afrikas, die meist in westlichen Ländern ausgebildet wurden und Dinge als „heilig“ erklären, in deren vermeintlich heiligem Kontext sie selbst nicht aufgewachsen sind. Sie übernehmen häufig die konservative Argumentation einer europäischen Linken, die sich in einem Rollenwechsel seit zwei Jahrzehnten von klassisch ökonomischen Themen wegbewegt. Weg vom Klassenkampf zu Diskriminierung, Rassismus, Gender und Neokolonialismus. „Geschichte“ wird mit diesen Disziplinen und einem auffälligen Moralanspruch vermischt, dessen Postulat dann
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in unterschiedlicher Radikalität lautet: Alle oder zumindest viele afrikanische Kunstwerke müssen zurückgegeben werden !
Gustav Nachtigal

Neben dem Handel, der sich nach jedem neuen Gesetz oder neuer Verhaltensempfehlung über die Jahrzehnte in Schweigen zurückzieht, ohne nennenswerte diskursive Impulse zu liefern, gibt es eine weitere Gruppierung, die sich dafür um so heftiger in den Vordergrund schiebt: So genannte Aktivisten, die nicht nur ein Zurückbringen von Kunstobjekten, Kunstgewerbe, Gebrauchsgegenständen und Gebeinen fordern, sondern, übers Ziel hinaus, auch Straßennamen von Personen reinigen, die sich in Afrika großer Beliebtheit erfreuen. Die dabei nicht merken, dass einige interessante Ansätze zur emotionalen Groteske ausarten. Deren Anträge für Projektmittel so gestaltet sind, dass sie sich als die wahren Hüter von Gutem und Hehrem darstellen und dafür nicht selten staatliche Subventionen erhalten.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr schwer, eine auch nur einigermaßen sachliche Debatte zu führen. Ich unternehme dazu und hiermit einen Versuch aus der Sicht des Kunstvermittlers, der sich seit Jahrzehnten als Sammler, Händler, Galerist, Kunstexperte und Berater mit afrikanischer Kunst beschäftigt.
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Wert
 
Schon die Tatsache, dass vielen Objekten ein europäischer Geldwert beigemessen wurde, den sie bei ihrer Herstellung so nicht hatten, trägt zu einer Vernebelung des Themas Restitution bei. Ländliche Kunst, gerne undifferenziert als „Stammeskunst“ bezeichnet, wurde in Subsistenzwirtschaften im Warentausch, oder als seltenere Variante, in einem höfischen Rahmen unter kontrollierten Bedingungen gegen geldwertige Währung bestellt. Es gibt erste Hinweise auf Bronze-, also Materialexporte aus Afrika bereits im 8. Jahrhundert nach China. In diesen Zeitraum fallen auch erste Bronzearbeiten in Westafrika. Ungefähr ab dem 16. Jahrhundert begann der Handel subsaharischer Länder mit Portugal, Spanien und über Holland mit Mitteleuropa. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich durch wachsendes Interesse in ganz Europa der Exporthandel von Kunst und Kunsthandwerk aus Afrika in großem Stil. Die Betonung liegt auf Handel, nicht auf Wegnahme. Erste Expeditionen zum Sammeln von Kunstgegenständen wurden schon in vorkolonialer Zeit organisiert. In der Ära der Kolonialzeit gab es regelrechte Schübe, um die neu entstehenden Völkerkundemuseen und ihr bürgerliches Besucherpublikum als Sammler zu bedienen.

Afrikaner konnten dank der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen völkerkundlichen Nachfrage nun ein Objekt verkaufen, mit dessen Verkaufswert sie neue herstellen konnten. Hier nun, wie weit verbreitet, von „einseitigem Ausnützen eines Druckmittels“ zu reden ist als Verallgemeinerung falsch. Eine solche Argumentation ist nur innerhalb einer Vorstellungswelt möglich, in der man eine paradiesische Situation zugrunde legt, die von Geld als mephistophelischem Zerstörer ausgeht. Doch ein afrikanisches Paradies gab es nicht. Auch das beliebte Beispiel der Glasperlen, mit denen man Afrikaner permanent betrogen habe, ist an Diskriminierung kaum zu überbieten. Für wie dumm halten manche denn eigentlich „die“ Afrikaner? Glasperlen hatten einen sehr stabilen Handelswert über Jahrhunderte und waren als Wertanlage und Zahlungsmittel sehr gefragt. Bei der modernen Umkehrung der Handelsrichtung von Schmuck aus Afrika zurück nach Europa sei an den Wert erinnert, den venezianische und böhmische Glasperlen heute haben. Solche Argumente eignen sich also nicht, um zum Kern des Problems vorzudringen.

Der in der derzeitigen Debatte betonte Diebstahl durch Kolonialbeamte hat in dem unterstellten Ausmaß so nicht stattgefunden. Selbstverständlich wurden Kunstgegenstände auch unter Zwang weggenommen. Fehlverhalten begleiten die Menschheitsgeschichte über alle Kontinente, ohne dass Afrika eine Leidensvorherrschaft für sich beanspruchen kann. Es ist ohnehin verwirrend, dass Afrika und die Afrikaner als ewige Verlierer, Betrogene und Ausgebeutete dargestellt werden. Ganz auffällig wird ihnen diese minderwertige Opferrolle von jenen angedichtet, die vorgeben, es besonders gut mit ihnen zu meinen und demütigend lächerliche Almosen für sie sammeln. Dies sind auch jene, die eine Rückgabe als eine Art von wiedergutmachendem Geschenk betrachten, ohne jedoch einen konkreten Grund für diese Großzügigkeit benennen zu können.

Viele Objekte in den westlichen Museen sind nichts anderes als Repliken. Repliken aus dem Geiste des afrikanischen Nichtunterscheidens von Original und Nachahmung. Original in der europäischen Auslegung sei etwas, das in einem authentischen Kontext benutzt wurde. Viele Menschen aus der deutschen Kolonialzeit, in der diese Unterscheidung noch kaum gemacht wurde, wollten nun gar nicht das verschmutze Objekt, bei dem die Farbe abblätterte, schon einige Kanten abgebrochen waren, das nach Rauch und Schweiß stank.
 
Sie wollten dasselbe interessante Objekt in neuer Ausfertigung - und die Schnitzer waren ja da. Also bat man sie, oder noch genauer ausgedrückt, gab man den Auftrag, neue, gleichwertige, oder sogar von den Applikationen her hochwertigere Objekte herzustellen. Und bezahlte oder tauschte. Auch wenn heute ein Taschentuch nichts mehr an Wert hat, so war es damals, aus afrikanischer Sicht, ebenso Kuriosität und begehrenswert. Des Begehrens Wert. Wollte einer partout das „Original“ und kam, ohne Zeit fürs Nachschnitzen mitzubringen, war diese Variante aus afrikanischer Sicht durchaus ebenso angenehm. Da kommt jemand, der die Maske, an der schon die Farbe abblätterte und Teile abgebrochen sind, für einen Preis erwirbt, mit dem man eine neue Maske in Auftrag geben und der Familie noch ein schönes Festessen bescheren kann.
Geld
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Sowohl vom Handel als auch von Museen wird versucht, so viele Gegenstände wie möglich als „gebraucht“ zu deklarieren, da „gebraucht“ gleichgestellt wird mit „authentisch“, dessen Wert im westlichen Kontext höher ist als der einer Replik. Für den Händler ist es der individuelle Gewinn, für das Museum das Renommee. Vergessen wird oft, dass auch ein Museum ein großes Interesse hat, die Wertigkeit seines Inventars zu erhöhen, hängen doch öffentliche Zuschüsse auch davon ab.

Als in den 1920er Jahren vorwiegend Baule-Masken und -Statuen aus der Elfenbeinküste wegen ihrer sehr beliebten Ästhetik massenhaft geschnitzt wurden, machte in Europa noch kein Mensch die Unterscheidung zwischen Replik und Original. Händler werten heute aber fast ausnahmslos alle Statuen und Masken dieser Zeit, mit wunderschöner Hochglanzpatina, die die Objekte im „Original“ nicht hatten, mit nachvollziehbarer Altersangabe zu hochwertiger, „authentischer“ Provenienz auf. Es gab in Afrika nicht einen Bruchteil der Webstühle - verglichen mit der heute zirkulierenden Menge von Webrollenhaltern. Und die Zahl der berühmten, für Zwillingsgeburten geschnitzten, Ibedji-Zwillingsfiguren würden die reale Zwillingssituation in Nigeria vervielfachen. Ähnliches gilt für die Punu aus Gabun, von denen es mehr Masken gibt als die Gegend je Einwohner hatte. Spielarten des afrikanisch-europäischen Handels werden plötzlich von Autoren und Autorinnen geisteswissenschaftlicher Herkunft in ein hochwertiges „Raubkorsett“ gezwängt.

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Heilig, symbolisch und profan
 

Die Darstellung, als wären habgierige Truppen unterwegs gewesen, die Afrikanern ihre Besitztümer wie Kirchenraub wegstahlen, findet sich kaum in der historischen Lektüre. Und wenn, dann durchaus auch kritisch und selbstkritisch. Einige Veröffentlichungen zum Thema werden dann noch mit dem Gejammer gewürzt, das Weggestohlene sei so unendlich „heilig“ gewesen. Sieht man von einer Reliquienverehrung ab und überspitzt ins Profane, ist die Madonnenfigur in der Nische der Barockkirche nicht heilig. Sie ist zunächst eine Holzfigur und kein Fetisch. Wird sie gestohlen, ist der Verlust für die Gemeinde tragisch, aber sie wird von den Oberammergauer Herrgottsschnitzern wieder hergestellt. Die wiederum stellen nichts Heiliges her, sondern eine Erinnerung an eine Heilige. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Denn auch in Afrika sind viele Objekt nicht „heilig“. Sie sind Medium zum Heiligen.

Diese neu aufgewärmte Diskussion um „Fetisch“ war eigentlich schon vor Jahrzehnten innerhalb der Ethnologie beendet worden. Leider wird diese falsche Begrifflichkeit über die Hintertüre von unkundigen Autoren fremder Disziplinen neu aufgeworfen, in dem ein von Moral getragener Heiligkeitsaspekt wieder thematisiert wird.

Besonders absurd ist, wenn Nigerianer die gewaltsam von den Briten entfernten Bronzen pauschal als „heilig“ deklarieren. Höfische Kunst ist zuallererst einmal Prunkkunst. Kunst einer Zurschaustellung von Reichtum und Macht. Es ist auch die Zurschaustellung von brutalen Feldzügen, mit denen das Benin-Imperium aufgebaut wurde und das seinerseits diese Macht und den Reichtum auf Wegnahme von Reichtum anderer begründete. Es wäre sachdienlich, wenn alle an den derzeitigen Diskussionen Beteiligte wieder auf den Boden der Realität zurückfänden. Es taucht in diesem Zusammenhang ein eigentümlicher Widerspruch in Deutschland auf, wenn durch „links“ konnotierte Forderungen bezüglich Kunst unbewusst alte monarchische Herrschaften wieder neu installiert werden sollen. Statt Vertreter alter Monarchien wäre es beispielsweise angebracht, ghanaische Minderheiten vor die Kamera zu holen, deren Vorfahren als Sklaven von den Ashanti abgeholt wurden und die deshalb keine Zeit hatten, Reichtümer anzuhäufen.

Ähnlich ist es mit dem Benin-Reich, das jüngst in der Presse von einem Nigerianer als Weltreich benannt wurde und der sich dabei auf eine enorm lange Befestigungsanlage aus aufgehäufter Erde berief. Er knüpft damit an eine Eigentümlichkeit der okzidentalen Geisteswissenschaft an. Woher kommt diese von Ethnologen häufig in ihren Abhandlungen zu spürende Sehnsucht nach Glanz und Gloria der Monarchien und der Drang von Politikern, sich in Gesellschaft mit traditionellen Potentaten ablichten zu lassen? Zu bedenken ist doch, dass heute ein Großteil der Afrikaner und Afrikanerinnen froh ist, in einem Rechtssystem zu leben, das man als Produkt der europäischen Aufklärung bezeichnen kann und nicht mehr in einer archaischen Hierarchie zentralistischer Königtümer mit dem Hauptexportschlager Mensch.

Eine Regenmacherfigur ist nicht heilig. Sie ist ein formal mehr oder vielleicht weniger gelungenes Objekt, das einem gemeinschaftlichen Ritual dient, in dem es nach dem Prinzip „Form folgt Funktion“ in einem bestimmten Moment zum Einsatz kommt. Um einen thermisch-dynamischen Effekt auszulösen, ist ein gestaltetes Objekt mit Motiven, die eine Konzentration der Beteiligten erhöhen, nun einmal dienlicher als ein hoher Pfahl, der aus rein praktischer Sicht dasselbe tun könnte. Genauso wenig wie die allerwenigsten Masken heilig sind, weil sie in einem religiösen Kontext innerhalb, profan beschrieben, eines Gesamtkunstwerks von Wort, Tanz, Akrobatik und Musik auftreten.
 

Legba - Der Herr der Kreuzungen

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Diese Beispiele sollen gewissermaßen, ohne in einen Glaubensdiskurs einzugreifen, die Grenze zwischen Profanem und Reliquie markieren und aufzeigen, dass nicht alles in einem rituellen Kontext mit „heilig“ gleichzusetzen ist. Dazu kommt, je nach Interpretation, dass etwas, das einstmals unter dem Begriff „heilig“ zu fassen war, durch Islamisierung oder Christianisierung „entheiligt“ wurde. Der personelle Rahmen derer, die durch gemeinsamen Glauben einen Gegenstand als heilig erklärten, ging in der Geschichte verloren. Es reduziert sich ein Rückgabeaspekt also auf einige extrem wenige, illegal aus dem Kontext genommene Objekte, die wieder in einen aktiv heiligen Rahmen zurückgeführt werden könnten.

Ein anderes Beispiel ist ein Objekt mit Symbolgehalt als Verweis auf Familie oder Clan. Da besuchen Menschen aus Afrika ein Museum, erkennen ein Objekt aus ihrer ethnischen Tradition, knüpfen einen Zusammenhang mit ihrer vergangenen familiären Bedeutung und leiten einen Anspruch ab. Das Wiederbeleben dieser Familienbedeutung ist in den jeweiligen Ländern den dort schon länger Lebenden meist herzlich egal. Mit großem Aufwand und Kamerateam, von gut meinenden Menschen als Projekt finanziert, geht man nun dieser Geschichte in der Heimat des Objektentdeckers nach. Dass dann die Familienangehörigen mit Stolz vor der Kamera die Erklärungen dessen intonieren, der Kameras mitbrachte, braucht wenig Phantasie. So entsteht ein großer Teil so genannter Dokumentarfilme, die sich um die angebliche Bedeutung eines Objekts drehen.

Betrachtet man die meisten der mir bekannten Fälle jedoch genauer und versucht, die Hintergründe zu begreifen, würde mit einer Einwilligung zur Rückgabe eine Büchse der Pandora geöffnet. Unglaublich viel Streit würde entstehen. Nach solch einer Logik müsste in Europa und Asien ein gigantischer internationaler Tausch stattfinden.

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Metallwert
 
Schon im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung scheint das Material, das wir heute als Bronze bezeichnen, von Afrika nach China exportiert worden zu sein, während man Legierungsbestandteile aus dem heute als „Naher Osten“ bezeichneten Teil Asiens auf Karawanenwegen nach Afrika brachte. Bronzeähnliche Legierungen hatten im zweiten Jahrtausend in manchen Regionen Afrikas anscheinend einen höheren Wert als Gold, das sich wiederum als Exportmetall eignete, weil es in Europa und Asien extrem gefragt war und das alte Königreich Ghana, im heutigen Mali gelegen, reich machte.
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Ab etwa dem 16. Jahrhundert stieg der Metallhandel aus einer Gegend, die man heute Deutschland und Polen nennt in den Reigen ein, exportierte vorwiegend Kupferlegierungen und machte Sachsen, Schlesien, Franken und die Hanse reich. Durch Handel. Nicht Ausbeutung und Erpressung.

In einer Zeit, in der der westliche Kunstbegriff in seiner Wertigkeitsskala den Geist des Künstlers höher bewertet als seine Arbeitszeit und seinen Materialaufwand, erfährt noch jeder verzierte Löffel aus Afrika einen künstlerischen Stellenwert, während Objekte aus Metallen, in ihrer Zeit exorbitant teuer, heute ebenso nur formal und damit oft unterbewertet werden. Um es mit einer Zahl zu veranschaulichen. Wenn eine bronzene Statue im 17. Jahrhundert in Nigeria mehr kostete als Kaufpreis und lebenslange Kost für einen Sklaven und diese Figur heute mit 5.000 Euro geschätzt wird, ließe sich zynischer Weise eine grobe Missachtung menschlicher Wertigkeit ableiten.
Argent et magie
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Afrika hat Schulden an Europa
 
War es Julius Nyerere, der sagte, dass Afrika in der Welt die besten Diplomaten hätte? Niemand anders würde es so genial schaffen, so viel Geld ohne irgend eine Gegenleistung zusammenzusammeln. Ich denke, wir dürfen getrost in der Diskussion um Restitution diesen Aspekt mit einbeziehen, wenn es um beteiligte Afrikaner geht. Wir schulden Afrika nichts. Rohstoffe werden seit Jahrhunderten gehandelt und Entwicklungshilfe als Zuschüsse gegeben, also geschenkt. Meines Wissens haben alle Staaten Afrikas Schulden bei europäisch-amerikanischen Banken und neuerdings bei China. Wenn diese Kredite veruntreut wurden, so ist das Gegenstand innerafrikanischer Betrachtung. Wenn man die Schuldenfalle als kapitalistisches Prinzip aus konservativ linker Sicht betrachtet, haben Afrikaner wiederum keinen Sonderstatus, sondern aus diesem Gedanken abgeleitet, trifft es als Opfer ebenso den europäischen Mittelstand und die Unterklasse und den Rest der Welt. Aus diesen politisch-ideologischen und sehr allgemeinen Standpunkten eine Recht auf Schuld abzuleiten, ist ein fast unmögliches Anliegen.

Wird ein Rückforderungsanspruch auf Kunst überhaupt gestellt, was von afrikanischer Seite bei genauer Betrachtung gar nicht so häufig ist, geht es fast immer um Objekte aus einem extrem werthaltigen Kontext. Wobei es interessant ist, wie die neuzeitliche Wertigkeit entstanden ist. In vielen Fällen nämlich erst durch die Interpretation des Europäers, der das Objekt ins Licht seiner technologischen Lampe stellte. Seine Erfindung des Museums, der Klimatechnik, der Konservierung, der Restauration, des Eintrittsgeldes, der Drucktechnik, des Versicherungswerts und der Werbung machten viele Objekte aus Afrika zu dem, was sie heute sind. Völlig ohne einen Beitrag eines Afrikaners und gar einer Afrikanerin. In der Nichterhaltungskultur riesiger Teile Afrikas wären viele heute teure Schnitzereien auf Nimmerwiedersehen zur Nahrung von Insekten geworden. Ich erinnere an Islamisierungswellen, die noch Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in Mali und der Elfenbeinküste Holzobjekte auf den Scheiterhaufen brachten und von denen nur wenige von Händlern gerettet werden konnten. Oder an die fundamentalistische Christianisierung, bei der es ein hohes Maß an Denkakrobatik benötigen würde, die wahnhafte Zerstörung „heidnischer“ Kultgegenstände nun den Europäern wieder als Schuld zuzuschieben, nur weil sie einmal den christlichen Gedanken nach Afrika brachten.

  Galerie Peter Herrmann - Berlin 2013

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Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn ich auf noch mehr als die bereits geschilderten Absonderlichkeiten eingehen würde, die das Zusammenspiel von Sammlern, Händlern und Ethnologen in Bezug auf Wert geschaffen haben. An dieser Stelle möchte ich übrigens noch betonen, dass die maskuline Aufzählung der drei Gruppen vollkommen richtig ist. Frauen sind im Gegenstand der Betrachtung erst in neuerer Zeit relevant und bringen nun die unselige Eigenschaft in die Diskussion, eine postulierte Unterdrückung des Afrikaners gleichzusetzen mit der Unterdrückung der europäischen Frau und dadurch ein gar allerhöchst seltsame Färbung in das bringen, was man in Europa Wissenschaft nennt. Diese Betrachtung hat vielleicht eine Berechtigung in einer linksgrünen Gesprächsrunde, aber nicht in einer Restitutionsdiskussion. Im Wertkontext betrachtet, erhöht diese neue Betrachtung lediglich die Zahl der westlichen Problematisierungen.

Als Beispiel ein Text des Bode-Museum in Berlin. 2018.

Der Prozess des Vergleichens und des Zuordnens ist also kein neutraler, sondern ist geladen mit gesellschaftlich geprägten Vorurteilen, Konventionen und Geschichtskonstruktionen. Er ist auch stark abhängig von den Erfahrungen der Menschen, die den Vergleich anstellen. Die Aussage, ob Sachen ähnlich oder andersartig sind, hat oft auch mit Macht zu tun. Dadurch ist das Vergleichen eng mit Themen wie Sammlungsgeschichte, Ästhetik, Kolonialismus und Gender verbunden. Diese Themen werden in der Ausstellung und der begleitenden App von verschieden Perspektiven beleuchtet. …. Die Präsentation lädt ein, die eigene Haltung des Vergleichens zu hinterfragen.

Sirenengesang von Schneeflöckchen
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Ort
 
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage: Wohin eigentlich zurückführen? Zurückführen in eine Ortschaft? Zurückführen in eine Monarchie, die heute nicht mehr den früheren Stellenwert hat? Zurückführen in einen Nationalstaat?

Zunächst einmal müsste bei einem Rückführungsanspruch sichergestellt sein, dass ein Einverständnis des afrikanischen Besitzers beim Erwerb nicht vorhanden gewesen sein soll. Doch beginnt schon hier die Problematik: Wer war früher der Besitzer? Eine Gemeinschaft? Eine Person? Bei einer Gemeinschaft kann es Personen gegeben haben, die aus beispielsweise religiösen Gründen ein Interesse hatten, den traditionellen Bestand zu veräußern oder gar zu verraten. Es gab Situationen, wo gutgläubigen Händlern etwas verkauft und später behauptet wurde, der Verkäufer sei dafür nicht legitimiert gewesen. Rechtlich gesehen liegt das Problem bei den Afrikanern. Hätte er verkaufen dürfen, hätte er nicht? Bei aller Vorsicht: aber solche Hintergründe kann ein Händler trotz Nachfragen nicht erkennen. Das traditionelle Afrika hat keine Schriftkultur mit Einkaufs- oder Herstellerrechnungen. Das schwierigste ist die Beurteilung, ob etwas unter Druck erworben sein sollte und nur durch Machtungleichheit eingewilligt worden sei. Als Vergleich: Muss ich nun das Finanzamt verklagen, weil ich unter dem Druck der Steuerlast zu billig meine Kunst verkaufen musste? Argumentatives Glatteis also.

 
So einfach wie interessant auch die Frage, warum man sich in Deutschland Kopfzerbrechen bereitet. Wegen Problemen, die Frankreich sich macht oder die Briten haben oder nicht haben? Ist "Schuld" bereits ein Importartikel?
Deutsche Vergangenheit

Da in Deutschland die Diskussion um „Raubkunst“ aus Afrika hauptsächlich um die Kunst Nigerias stattfindet, möchte auch ich mich darauf noch einmal konzentrieren.

Als jemand, der lange in Nigeria lebte, entwickelte ich zunächst eine Sichtweise, die sich partiell mit der nigerianischen solidarisierte und den viel zitierten Feldzug der Briten 1897 als Plünderungsfeldzug betrachtete. Doch abgesehen davon, dass meine juristischen und militärischen Kenntnisse zu gering sind, um eine klare Position zu vertreten, stellt sich auch hier die Frage: Wenn zurück, wohin? Sowohl Vertreter der nigerianischen Museumsbehörden als auch lokale monarchische Stimmen machen keine genauen Angaben darüber, was aus diesem Kunst-Kontingent tatsächlich verlangt oder gewünscht wird.
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Bisher wird konkret von nigerianischer Seite nur gefordert, wenn eines dieser Objekte auf dem Markt oder in der Öffentlichkeit ausserhalb eines Museums auftaucht. Weil damals von den Briten akribisch nummeriert, archiviert, beschrieben, katalogisiert, fotografiert und interpretiert wurde, ist es Kunsthistorikern heute möglich, auf diese Kunstwerke aufmerksam zu werden. Jüngst meinte der derzeitige lokale Monarch von Benin gegenüber der deutschen Presse großzügig, er wolle nur einen Teil zurück und den würde er dann in ein neu zu errichtendes Museum tun. Doch welchen Teil? Und Museum als Versprechen?

Ich für meinen Teil halte nicht viel von dieser Variante, auch wenn ich die Idee eines neuen Museums in der Stadt Benin ganz attraktiv finde. Eher scheint dies ein wenig ernstzunehmendes Anliegen, um an verlorene Besitztümer zu kommen. Wenn eine Zurückgabe, dann an den Rechtsnachfolger der britischen Kolonialbehörden, an die nigerianische Republik, aber nicht an eine entmachtete Monarchie und dann in ein privates Museum. Also stehen dem „zurück“ im Moment wichtige Argumente entgegen, weil die Gesprächsbasis und der Ort fehlen, selbst wenn ein Rechtsanspruch Gültigkeit hätte, was auch nicht geklärt ist. Ausserdem kommt erschwerend dazu, dass figurative Kunst bei einer von Muslimen dominierten Regierung kein besonderes Interesse hervorruft. Die paar Millionen Euro Wert nach westlichen Maßstäben sind ihnen den Aufwand der Verhandlungen nicht wert. Denn wenn Nigeria je etwas bekommen könnte, wäre es mit nicht verkaufen dürfen und weiteren moralischen Bedingungen verbunden, was einen Wert gegen Null tendieren lässt.

Der Gedanke, der mich umtreibt, ist:. Wenn es um den musealen Aspekt und somit auch stark um einen historischen und pädagogischen Aspekt, warum werden dann die verloren gegangenen Objekte nicht einfach nachgegossen? Qualitativ wäre dies überhaupt kein Problem und ein schöner Auftrag für lokale Gießereien. Diese Aussage, noch einmal, vor dem Hintergrund, dass man traditionell in Afrika den Unterschied zwischen „Authentischem“ und Replik gar nicht kennt und Motive eines Gedenkkopfes über Jahrhunderte die Replik einer Replik waren. Fälschungen von „Gebrauchtem“ werden aus Gewinnerwartung gemacht, weil sich Europäer damit übers Ohr hauen lassen. Nicht für einen eigenen Bedarf. Schon viele andere vor ihnen mussten auch die Zähne zusammenbeißen und akzeptieren, dass sie Verlierer waren. Und wer kennt als Händler oder Sammler nicht die traurige Situation, ein Kunstwerk verkauft zu haben, das plötzlich für jemand anderen Auktionsrekorde einfährt?

Im Hinblick auf alte Kunst und Kunsthandwerk hat Nigeria eine kaum mehr nachvollziehbare Gesetzgebung. Was Antiquitäten anbelangt, scheint vieles noch als ungeänderte Hinterlassenschaft der Briten. Mit gut gemeinten Hürden, um einen Kunstausverkauf des Landes zu verhindern, aber von völlig falschen Zahlen ausgehend. Und wohl auch, um den Wert der bei ihnen bereits vorhandenen Objekte durch Exklusivität zu sichern. Nach der Unabhängigkeit festgelegte Ausfuhrbestimmungen, die niemand einhalten kann, und Einfuhrbestimmungen, die jeden Händler zur Verzweiflung bringen. Nigeria ist ja nicht ohne Grund eines der korruptesten Länder dieser Erde. Niemand wird korrupt geboren. Wenn er jedoch in einem Land lebt, das nicht in der Lage ist, Gesetze so zu gestalten, dass eine große Mehrheit sie auch einhalten kann, so wird er sich an den „Gesetzen“ der Willkür orientieren.

Ein Beispiel aus den Achtzigern, wie Korruption entsteht: Der Einfuhrzoll eines gebrauchten Mercedes betrug 500 % vom Neuwert. Auch für ein Fahrzeug, das in Deutschland zu 10 % seines ursprünglichen Preises gebraucht verkauft wurde. Zu einer Zeit, als Lagos mit damals über 10 Millionen Einwohner schon am Verkehr kollabierte, wurde kein Fahrzeug legal verzollt eingeführt. Ähnlich absurd verhält es sich mit der Ausfuhr von alter Kunst und Kunstgewerbe. Im Prinzip ist alles verboten: Neu, alt, Textil, Holz, Ton, Bronze – aber niemand richtet sich danach, weil niemand sich danach richten kann. Außer natürlich die guten Deutschen, um Nigerias Kulturgut zu schützen, ohne das Land zu kennen. Und natürlich der nigerianische Zoll am Flughafen, wenn er einem ausreisenden Touristen Schwierigkeiten wegen Souvenirs machen kann und dies einer von tausend Gründen ist, warum Nigeria keinen Tourismus hat.

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Handel und Hemmnisse
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Antiquitätenhändler - ich bleibe am extremen Beispiel Nigeria - können nur unter hohem Risiko in der Öffentlichkeit auftreten. Das weitgehende Nichtbeachten der eigenen Gesetze durch staatliche Institutionen seit Jahrzehnten heißt nicht, dass sie nicht da sind und in willkürlichen Situationen angewendet werden. Ich möchte an René David erinnern, der vermutlich der weltweit größte Händler nigerianischer alter Kunst war. Als einer der wenigen überhaupt, wurde er als offizieller Exporteur von einer damaligen nigerianischen Regierung anerkannt, was vor dem Hintergrund des gesetzlichen Chaos als ein bewundernswerter Erfolg zu werten war. Doch selbst er wurde, trotz oder wegen Geld, Opfer von Willkür und fand sich eines Tages in einer Zelle wieder.

Eine Auslegung von widersinnigen Gesetzen ändert sich von einer Regierung zur nächsten, statt die Gesetze anzupassen. Dieses repressive Klima führt dazu, dass Händler die theoretische Möglichkeit nicht nutzen, von der Museumsbehörde eine Ausfuhrgenehmigung zu beantragen, weil sie bei der nächsten Regierung der Bestechlichkeit beschuldigt werden könnten. Also wurden so ziemlich ausnahmslos alle Antiquitäten über die Landesgrenzen ohne Genehmigung eines – unterstellt - korrupten Ministeriums ausgeführt und in den Nachbarländern verkauft. In den frankophonen Ländern genügt eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Behörde, um ausführen zu dürfen, womit ab hier alle Geschäfte legal waren und sind und in Europa legal eingeführt werden konnte. Das Nachsehen hat die kunsthistorische Forschung Nigerias, die keinen ausreichenden Überblick hat. Der nigerianische Staat interessiert sich für solche Dinge nicht, genauso wenig, wie sich andere afrikanische Staaten kaum dafür interessieren.

Das Nachsehen hat die nigerianische Forschung allerdings auch in Europa. Als 1997 der Kunsthistoriker Ohioma Ifounu Pogoson der Universität Ibadan ein Stipendium der Akademie Schloß Solitude in Stuttgart bekam, um nach dem Verbleib der nigerianischen Bronzen im deutschsprachigen Raum zu forschen, fand er sich vor verschlossenen Türen. Nach seiner Vermutung hatten die Museen Angst, er würde die Erkenntnisse nutzen, um daraus Restitutionsansprüche abzuleiten.

Wegen dieser Gesetzeslage und der oft komplexen Diskussionen sieht die Situation im Handel schwierig aus. Durch das Stilmittel der reisserischen Emotionalisierung der Presse sieht er sich in die Rolle des Verantwortlichen für Kulturraub und Gesetzesüberschreitungen gedrängt. Von der Presse wurden in Deutschland vorrangig die Politik, Wissenschaft und Aktivisten befragt, vom Handel jedoch nur ein juristisch versierter Vertreter der ersten Liga weit weg in New York. Diese erste Liga, eine durch eigene Spielregeln verbundene kleine Gruppe, spielt mit ein paar Ethnologen und großen Auktionshäuser eine gesonderte Rolle, die sie von anderen Händlern unterscheidet. Sie und ihr befragter Repräsentant schaden dem restlichen europäisch-amerikanischen Handel ein wenig, aber ganz besonders schaden sie dem afrikanischen Handel, der in allen bei mir gespeicherten Artikeln nicht zu Wort kam.

Die begleitenden Texte, die der erwähnte Händler früher bei Sotheby’s schrieb, implizierten, dass jedes der von ihm beschriebenen Objekte aus jenem Kontingent der Briten kommen „könnte“ und ebenfalls subtil aber beständig andeuteten, dass der Rest des Marktes Fälschungen seien um damit eigene Erlöse zu steigern. Bei etwa 200 von mir diesbezüglich beobachteten Objekten in Auktionen der großen Häuser über einen Zeitraum von etwa 30 Jahre waren nur zwei wirklich aus dem britischen Kontingent und sorgten sofort für internationalen Aufruhr, ausgelöst durch nigerianische Kunsthistoriker. Der Rest des Angebots kam fast ausschließlich aus Handelslinien über Westafrika der letzten Jahrzehnte und wurde dann - über vermeintliche Provenienz - im Text der Auktionshäuser geadelt. Dieser Händler begrüßte natürlich alles, was mit Rückführung und Restriktionen zu tun hat, da man im obersten Preissegment davon profitiert, wenn sich Menge reduziert.

Der afrikanische Handel hat jedoch kein Sprachrohr. Mit Begriffen wie „Raubkunst“ wird er indirekt stigmatisiert, und nicht vorhandene oder nur aufwendig zu beschaffende Dokumente bringen weitere Handelsnachteile. Der afrikanische Handel kann neben Kleinhandel bestenfalls Botendienste erledigen, um für jene erste okzidentale Liga die Hürden von Grenzen zu überwinden. Sind die Objekte in den europäischen Zentren angelangt, verfügt diese erste Liga über Geld und dadurch Zeit, diese Objekte zunächst unerkannt von Öffentlichkeit in beteiligte Sammlungen zu platzieren, dort gemächlich die Provenienz „altern“ zu lassen, um sie dann jenseits von störenden Empfehlungen der UNESCO oder eines Kulturgutschutzgesetzes über gehobene Auktionshäuser anzubieten. Aus afrikanischer Sicht könnte man sich einfach trösten, wenn dies nur ein inzestuöses Spiel von Finanzmagnaten wäre. Störend nur, dass der afrikanische Handel dabei ständig vom Geldadel als Fälschungsverkäufer bezichtigt und dies von der Presse verbreitet wird.

Es fehlt den afrikanischen Händlern das Wissen um Technik und Gesetze, um – wie der Autor - folgendes machen zu können: Schon in den 1990er Jahren schien einzig die sofortige Veröffentlichung durch Ausstellungen und Abbilden im Internet ein probates Mittel, Stigmatisierung und Unklarheiten im Handel anzugehen. Was bis zum Ratifizieren des Kulturgutschutzgesetzes nur ein Erfüllen von Empfehlungen war, um die eigene Reputation zu schützen, wurde seit 2016 fast zu einem Muss, um die Vorgaben eines für Afrika völlig unsinnigen Gesetzes zu erfüllen. Es ist absolut unmöglich, in Afrika über dreißig Jahre zurück eine Provenienz angeben zu können, wie es das neue Gesetz fordert. Schon wieder wird Afrika also vom Markt abgekoppelt oder zum Betrügen gezwungen. Seine „Originale“, vom Okzident als solche definiert, muss Afrika nun als Kopien verkaufen, um Widersprüche und Risiken zu umgehen und um überhaupt noch verkaufen zu können. Für Familienbetriebe von Händlern, die in verschiedenen Zentren Afrikas schon in die vierte Generation gehen, ein herber Verlust.

Bis sich Möglichkeiten der wirksamen Veröffentlichung für Afrikaner als rechtliche Absicherung ergeben, wird es noch lange dauern. Es ist ja nicht nur „Abbildung“, sondern es muss eine wirksame Plattform geschaffen werden, damit die Abbildung auch eine tatsächliche Resonanz hat, die einem Gericht standhält. Es müssen übertriebene Schutzmaßnahmen gemacht werden, da in Deutschland Gesetze von Juristen zum Wohle von Juristen gemacht werden. Die Empfehlungen der UNESCO-Konvention enthalten eine Einspruchsfrist von einem Jahr, die den afrikanischen Staaten die Möglichkeit zu Einwendungen oder Beanstandungen gibt, falls ein Objekt aus deren Sicht tatsächlich illegal gehandelt worden sein sollte. Das Kulturgutschutzgesetz erhöhte dies als schwammige "Pflicht" in den wichtigen europäischen Ländern auf drei Jahre unter Androhung schwerer Strafen bei Nichteinhaltung.

Das neue Kulturgutschutzgesetz, für afrikanische Händler bisher weder vom Inhalt noch von der Möglichkeit des Einhaltens nachvollziehbar, wirkt in Westafrika besonders kontraproduktiv, weil seit dem Inkrafttreten die verunsicherten europäischen Sammler sehr viel weniger kaufen, was dem Exportmarkt nun gewissermaßen den finalen Stoß in unzählige Geschäftspleiten gab. Sammler kaufen jetzt aus dem europäischen Versteigerungsangebot aus dort schon lange angelegten Sammlungen, und junge potenzielle Interessenten wenden sich lieber unverminten Sammelgebieten zu. Schon immer, auch vor 2016, wurden Objekte aus besonders restriktiven Ländern über Länder ausgeführt, die eine funktionierende Administration ohne Korruption besitzen und Ausfuhrlizenzen erteilten, woran sich im Prinzip nichts änderte, aber alles neu formuliert ist. Durch unnötige Komplikationen also eine unnötige Hürde. Manche Gesetze in einigen Ländern Europas, auch in Deutschland, werden fernab von afrikanischen Realitäten gemacht.

Erleichtert stellte der deutsche Handel nach ein paar spannenden Jahren des Wartens fest, dass man fast alles weiterhin einführen kann. Wenig aus dem subsaharischen Afrika fällt unter "archäologische Kulturgüter“ mit besonderer Handhabung, und bisher gemachte Ausfuhrpapiere genügen den deutschen Ansprüchen. Doch die Stigmatisierung wirkt in Afrika. Eine lang gepflegte Geschichtsverdrehung mit Fälschungsvorwürfen, die im folgenden Kapitel beleuchtet wird, ein schwierig zu interpretierendes Kulturgutschutzgesetz und als Drittes die im Raum stehende „Raubkunst“ der Medien.

Eine deutliche sichtbare Wirkung ist: In einer Situation der extremen Migration, in der nach Möglichkeiten gesucht wird, Afrika finanziell zu unterstützen, wird gleichzeitig durch deutsche Gesetzesverschärfungen einer der wenigen Exportmärkte, die Afrika überhaupt hat, stark geschädigt.
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Restitution und Geschichtsfälschung
 
Jener, den Sammlern wohlbekannte René David also, hat als erster überhaupt eine so genannte Restitution organisiert. Genau genommen sogar drei. Eine davon nach Nigeria. Über seine Gründe wurde viel spekuliert, doch das hat nichts damit zu tun, auf was ich eingehen möchte. Zusammen mit seinem Sohn führte er 220 Objekte aus Bronze nach Nigeria zurück. Wobei zunächst die Summe betrachtenswert ist. Das war ja nur ein Teil der vielen Objekte, die jahrzehntelang durch die Hände von Herrn David gingen.

Warum betone ich das? Die erste Liga des Kunsthandels, von ihnen beeinflusste Ethnologen und mit ihnen die großen Auktionshäuser, betreiben Geschichtsfälschung in ganz großem Stil. Sie behaupten, es gäbe 4.000 Objekte aus Bronze, die sich fast alle in Museen befinden. Findet also eines dieser scheinbar extrem seltenen Bronzen den Weg in den Handel, so die verkaufte Logik, wird ein exorbitanter Wert abgerufen. Diese völlig haltlose Behauptung, haltlos seit 100 Jahren, wird aus reinen Wertschutzgründen aufrechterhalten. Man rechne: 2.500 Bronzen aus dem so genannten Plünderungsfeldzug, plus 1.500, die geschätzt vor 1900 aus Nigeria exportiert wurden. Und dann hat René David alleine schon um die 500 bis 1.000 exportierte Objekte, von denen er in einer Aktion 220 restituiert, die alle vom nigerianischen Staat als alt und authentisch anerkannt sind. Der Autor hat ebenfalls um die tausend geprüfte und ungeprüfte alte Objekte in Händen gehabt und die Labore für Thermolumineszenz-Analysen unzählbar viele Tausende.

 

Interessant bei diesem Beispiel der Rückführung ist nicht nur die Menge. Alle diese nigerianischen Objekte wurden von René David in Nigeria und in Togo zwischen 1970 und 2000 erworben. Also einem Zeitraum, von dem die großen Auktionshäuser im Verein mit fast allen Ethnologen behaupten, es kämen nur Fälschungen auf den Markt. Wenn nun die nigerianische Regierung und die nigerianische Museumsbehörde mit großem diplomatischen Aufwand all diese jeweils mehrfach in verschiedenen Laboren geprüften Bronzen zurücknimmt, spricht das nun wirklich nicht für Fälschungen. Wie wollen die Ethnologinnen und Ethnologen, die sich gerade ins Humboldt-Forum drängeln und den Fälschungsunsinn als Litanei seit mehreren Generationen ungeprüft wiederholen, nun einen Sinneswandel hinlegen? Wie wollen sie mit Nigeria kooperieren, ohne dessen Position einzunehmen, die auf weit größerer Menge beruht? Die Meinung des Autors bezogen auf Kunstgeschichte und Menge gibt in weitgehender Übereinstimmung die Meinung aller mir bekannten Nigerianer wieder.

Krokodil Platte aus Bronze der Benin-Kultur
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Auf diese Akrobatik zugunsten der Nigerianer, mit der die Ethnologie seit vielen Jahren deren Handel und Gewinne torpedieren, freue ich mich stellvertretend. Vorwegnehmend auf eine noch folgende Passage sei gesagt, diese Rückführung nahm eine seltsame Wende.
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Medien, Sensationen und: Raubkunst
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Staatlich projektgeförderte deutsche Journalisten rutschen auf den Knien vor dem lokalen Herrscher Benins und müssen sagen: „Lang lebe der König“ und machen dies, nur um ein völlig lapidares Statement zu bekommen, das dann genauso lapidar in einer der größten Tageszeitungen Deutschlands unter dem Reisser „Raubkunst“ erscheint und wieder mit „Rückgabe“ gekoppelt wird. Dies ist ein arrogantes, revisionistisches und überhebliches Benehmen eines Lokalmonarchen, das man nicht unterstützen sollte. Ich versuche mir vorzustellen, dass der damalige Bundespräsident Dr. Horst Köhler von mir bei einer Einladung verlangt hätte, ich solle auf die Knie gehen und „Lang lebe der Deutsche Präsident“ sagen. Ich hätte dankend einen Besuch abgelehnt - auch wenn ich Herrn Köhler ein langes Leben wünsche. Die Gestik, die in solch einer auf Nichts gegründeten Schuld- und Sühne-Unterwerfung liegt hat etwas Abstoßendes. Die Kunst aus Nigeria in deutschen Museen wurde gekauft, und der Monarch ist ein lokales Relikt innerhalb einer Republik, dem man sicher mit Respekt begegnen soll, aber nicht mit einer solchen Unterwürfigkeit, um dann in Deutschland aufzutrumpfen und von diskreditierendem „Raub“ zu schwafeln.

Die Verkäufe der in der Stadt Benin requirierten Kunst der Briten aus dem bereits erwähnten Feldzug waren nur eine von vielen Quellen innerhalb des europäischen Handels. Daneben gab es unzählige andere. In den damaligen Erwerb der Bronzen von den Briten posthum eine absolute Illegalität hinein zu interpretieren, ist umstritten. Vor dem Hintergrund der damaligen Zeit war, was heute als Plünderung dargestellt wird, ein in den meisten Medien als legitime Vergeltungsaktion dargestellter militärischer Schlag, wie er damals ständig und weltweit gemacht wurde. Es wurden damals diese erbeuteten Objekte, die nur ein Teil eines Angebots waren, von deutschen Museen gutgläubig gekauft. Wenn von Geschichte losgelöst über ein Jahrhundert später Interventionen anders auslegt werden, heißt dies nicht, dass alles in dieser Zeit und in diesem Kontext illegal gewesen sein muss, und kann nicht in einem Topf mit Verbrechen des Nationalsozialismus an konkreten Individuen verglichen werden. Von den Befürwortern einer Rückgabe wird vergessen, dass es neben den Verkäufen aus dem Feldzug einen parallelen Handel mit legal in Nigeria erworbenen und exportierten Objekten gegeben hat. Dieser florierende Markt überstieg schon in den Jahren um 1900 um ein Vielfaches die beschlagnahmte Anzahl. Der Vergeltungsschlag der Briten beflügelte paradoxerweise einen neuen Markt in Benin, auf den Künstler zehn Jahre später aufspringen sollten. Ob Felix von Luschan, Erbswurst-Knorr oder Lexika-Mayer, die großen Mäzene und Ankäufer für Museen - alle kauften aus verschiedenen dieser Quellen, weshalb seitens Nigeria auch niemals Besitzansprüche geltend gemacht wurden.

Um noch kurz bei der Stadt Benin als Beispiel zu verbleiben. Von dem Kontingent, das auf einer Seite als Plünderung und auf der anderen als Kostenkompensation interpretiert wird, ist ein Teil aus künstlerischer Sicht schlichter Metallschrott. Dieser Teil hatte einen Wert im Kontext der Wissenschaft, aber keinen Wert als Kunst und dürfte die Erklärung sein, warum der generöse Herrschernachfahre nur einen Teil zurückhaben möchte. In der gesamten Diskussion, ob Raub oder Nicht-Raub, reduziert sich die Diskussion um mindestens die Hälfte jener 2.500 erwähnten Bronze-Objekte als nicht besonders hervorragende Stücke, und davon reduziert sich nochmal ein Teil als Metallabfall von einer Halde. Wichtige, teure Objekte hatten damals die Beniner bei ihrer über Wochen vorbereiteten Flucht aus der Stadt nämlich fast alle mitgenommen - und die kamen später völlig legal in den Handel.

Als Symptom der neudeutschen Angst muss in Presseartikeln ständig emotionalisiert werden, und es wird geschrieben, dass die Niederschlagung einer der letzten selbständig agierenden Monarchien in Nigeria ein heute noch wirkendes Trauma hinterlassen hätte. Nur um auch solche unnötigen Beeinflusser einer Debatte in kürzen Zügen zu rationalisieren: Wesentlicher Bestandteil britischer Kolonialpolitik war die Akzeptanz lokaler Hierarchien und selbst für Benin wurde wieder ein Nachfolger eingesetzt. Darf man Quellen aus dem 19. Jahrhundert glauben, so war der damals aktuelle Herrscher nicht beliebt, einige unterworfene Ethnien froh über den Bedeutungsverlust und das vermeintliche Trauma wurde, beispielsweise im bevölkerungsreichen islamischen Norden Nigerias, gerade mal eben so zur Kenntnis genommen. Von den unzähligen tausenden Bronzen anderer Ethnien, die qualitativ ebenso gut sind wie die Benins, redet kurioserweise auch kaum jemand.

Auch nicht ganz unwichtig ist die maßlose Übertreibung der Bedeutung der beschlagnahmten Objekte. Der Wert, also der Preis für Bronze als Material, ist Mitte des 19. Jahrhundert extrem gefallen und auch nie wieder gestiegen. Gemessen an der produzierten Menge von Objekten seit etwa dem 12. Jahrhundert war der materielle Verlust für Benin marginal. Und wiederum im militärischen Vergleich mit anderen Eroberungen der damaligen Epoche war die Einnahme von Benin und die Reduzierung der Bedeutung eines Königreichs ebenfalls sehr harmloser Natur. In Europa erhielt der Verkauf der Bronzen nur deshalb so viel Beachtung, weil er der Strategie einiger Kolonialisten widersprach, Afrika als übertrieben rückständig darzustellen, um finanzielle Mittel zu generieren. Die Bronzen sollten für Wissenschaftler um Luschan nun das Bild des rückständigen Wilden wieder veredeln und als Argument der Humanisten dafür herhalten, wie weit entwickelt Afrika doch eigentlich wäre. Beide Ansichten sind aus dem Heute heraus nicht haltbar. Es war schon damals eine journalistisch aufgepeppte Schlacht um zwei Lager. Die einen sagten, der Neger sei unfähig zu solch einer handwerklichen Leistung, und andere sagten eben, dies sei eine Fehleinschätzung und die Bronzen keine Fälschungen von heimlich eingeschmuggelten europäischen Handwerkern, sondern von lokalen Meistern.

Der gegenwärtige exorbitante Wert am Kunstmarkt für einige wenige Stücke ist, wie bereits beschrieben, ein Spiel, das absehbar auch wieder ein Ende hat. Langfristig wird anerkannt werden müssen, dass nicht ein paar Dutzend etwas Besonderes seien, von denen im begleitenden Auktionstext süffisant impliziert wird, sie „könnten” ein Teil jener erwähnten 4.000 sein, sondern dass es in dieser Qualität und Provenienz zwischen 20.000 und 50.000 weltweit verteilte Bronzen aus Südnigeria gibt, die alle die Wertbehauptung von „älter als 100 Jahre“ erfüllen. Kein Mensch weiß, wieviel Objekte sich noch heute in Familienbesitz in und außerhalb Nigerias befinden. Das Interessante dabei ist, dass die Kämpferinnen für die Restitution einen viel zu hohen Wert des Händlerspielchens übernehmen und dabei nicht merken, dass Geschichtsverfälschung die Grundlage ihrer Empörung ist. Ganz nebenbei schmälern sie dadurch die wirklichen Leistungen der Gilden und Werkstätten und unterstützen so einen historisch diskriminierenden Ansatz.

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Ethnologie und Politik. Frankreich und Deutschland
 
Seit Jahrzehnten haben die klassischen Völkerkundemuseen rückläufige Besucherzahlen, die sie mit angestrengtem Aktivismus und kleinkariertem Weltkulturenanspruch versuchen zu retten. Sie überschlagen sich mit Kinderprogrammen, Basaren und Begriffsänderungen. Es wird vergessen, dass die Ethnologie ausgedient hat. Ein Teil gehört in die Soziologie, ein anderer Teil hinein in die Kunst und Kunstgeschichte und viel in den Mülleimer der Geschichte. Fertig. Aus. Vorbei. Dieser ganze Lärm und die Wichtigtuerei um Schuld und Restitution sind nichts anderes als das letzte Aufbäumen eines alten Motors vor dem Kolbenfraß mitsamt einer fragwürdigen Berliner Schlossreplik, die, völlig egal was man darin veranstaltet, lediglich eine touristische Attraktion sein wird. Diese ganze begleitende calvinistische Selbstbezichtigungsorgie dient nur dazu, die letzten wenigen Stellen für Ethnologinnen zu erhalten. In Afrika selbst interessiert man sich nicht für jedweglichen völkerkundlichen Hintergrund. Das meiste, das in Europa in Museen und Sammlungen geistert, ist, aus afrikanischer Sicht, vergleichbar den europäischen Gartenzwergen und die werden genauso in einer riesigen Masse ungebrochen weiter hergestellt.

Und selbst der zeitgenössische Kunstmarkt mitsamt seinen bürokratisierten Museen und Kulturinstitutionen hatte bisher soviel abstoßende Details, dass man es in Afrika ganz offensichtlich nicht sehr eilig hat, an diesem ganzen Zirkus zu partizipieren. Als Prognose wage ich zu sagen, dass das Interesse an zeitgenössischer Kunst steigen wird und man langfristig auch ein historisches Museum möchte, aber ganz sicher will man kein Völkerkundemuseum. Um andere Völker und Weltkulturen kennenzulernen, hat man Internet. Aus diesen Gründen erklärt es sich, dass man in West- und Zentralafrika diese Gespräche um Rückführungen weit weniger aufgeregt führt als in Westeuropa. Ein Blick in nigerianische Diskussionsforen im Internet würde sicher die eine oder andere deutsche Schnappatmerin von ihren Schuldgefühlen befreien.

 
Wenn Herr Macron als französischer Liberalpopulist nun die Vergangenheit seiner Grand Nation als Verbrechen bezeichnet oder dies in seine Aussage, bezogen auf Algerien, hineininterpretiert wird, geht das in der Pauschalität eindeutig zu weit. Man muss kein Befürworter kolonialer Politik sein um zu sehen, dass in riesigen Teilen Afrikas genau diese damalige Politik eine auch von Afrikanern gewünschte Entwicklung gebracht und die schon oben erwähnten Feudalstrukturen und den Menschenhandel erheblich eingedämmt und den Ländern neuen Wohlstand gebracht hat.
Monsieur Macron
In der Kolonialzeit wurden „auch“ Verbrechen begangen, muss es richtig heißen.
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Eine Epoche als solche kann kein Verbrechen sein. Alle Menschen dieser Zeit wären nach der pauschalen Interpretation einiger Aktivisten dann Verbrecher? Die Ärzte, die heilten, die Handwerker die bauten, die Juristen, die versuchten, Gerechtigkeit modern zu installieren, Architekten, die hervorragende Gebäude entwarfen, Ingenieure, die Brücken und Bahnlinien konstruierten, Pfarrer, die Menschenrechte predigten - alles Verbrecher? Wie verhält es sich dann mit Libyen? Aus der Sicht Afrikas war die Zerstörung und der Mord an Herrn Gaddafi ein Verbrechen und destabilisierte das halbe Westafrika. Sind deshalb alle heutigen Europäer Verbrecher und ist Demokratie ein verbrecherisches System? Es sei hier noch pikanterweise erwähnt, dass Herr Macron als Nachfolger des Imperators ohne UN-Mandat von einem Stiftungsbesitzer aus der Republik Benin Wahlkampfunterstützung bekommen hat. Mit politikerbekanntem Moralgedöns soll nun eine Hand die andere mit Rückführungen in dessen Stiftung waschen. Mit welcher Chuzpe Herr Macron bei seiner persönlichen Begleichung auf Volkseigentum zurückgreift, lässt auf napoleonische Verwandtschaft schließen. Wichtig zu beachten ist auch, dass bezogen auf Afrika ein enormer Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland herrscht. Nur weil wir seit ein paar Jahren vor lauter Freundschaftsbeteuerung das restliche Europa gemeinsam übervorteilen, heißt das nun noch lange nicht, dass unsere Vergangenheit amalgamiert.

Doch einiges ist gleich. Was im Museum steht, gehört dem Volk und nicht einer temporären Regierung. Völkerkundemuseen wurden zu Beginn meist als Stiftungen gegründet und maßgeblich vom Handel finanziert. Also zunächst eine Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft, bei der nun nicht die moderne Politik ein Verfügungsrecht anmelden kann.

Als Ex-Bundespräsident Köhler, der als der einzig wirklich afrika-affine deutsche Präsident gelten kann, in die Versenkung verschwunden wurde, hatte er noch vor, sich im präsidialen Ruhestand um kulturelle Dinge Afrikas zu kümmern. Mein ihm noch zu Präsidentenzeit damals vorgeschlagener Plan, ganz ohne irgendeine Schuld-Diskussion, als ersten Ballon etwa hundert Objekte aus deutschen Museen dem Staat Nigeria als Schenkung mit neu geknüpften Bedingungen zu überreichen, fand bei ihm interessierte Zustimmung.

Aus sehr verschwommenen Äußerungen von René David kurz vor seinem Tod, und leider bereits schon nach zwei Hirnschlägen, konnte ich nur annehmen, dass alle 220 Objekte, die er unter großem diplomatischen Aufruhr nach Nigeria restituierte, für dreimal gar nichts wieder am Markt aufgetaucht sind. Drei davon konnte ich in Lomé erwerben. Bei einem dieser drei waren sogar noch alle Expertisen und weitere Papiere vorhanden. Alle Nachforschungen ergaben, dass die Bronzen vor ihrer erneuten Reise in den Handel nicht gestohlen wurden.

Aus solchen Erfahrungen heraus verweigerten sich Ethnologen und Museen verständlicherweise einer Herausgabe. Nicht nach vorn in die Öffentlichkeit - dort wurden ständig Willensäußerungen abgegeben - aber wenn es konkret wurde, verschwand jede Bereitschaft. Um solch einen unnützen und unrentablen Vorgang der Veruntreuung nicht zu wiederholen, machte ich Herrn Köhler den Vorschlag, etwa fünfzig dieser hundert Objekte dürften mit Einverständnis der deutschen Geber am internationalen Markt angeboten werden. Eine solche öffentlich gemachte Aktion hätte zur Folge, dass bei der derzeitigen Bedeutung von Provenienz alle fünfzig Objekte eine offizielle Museumsherkunft hätten. Ich weiß von Belo Horizonte in Brasilien mit seinen vielen nigerianischen Vorfahren, dass dortige Kunsthistoriker sehr gerne von Mutmaßungen unbelastete Objekte für ihr Museum ankaufen wollten. Für eine Veräußerung der für den Markt riesigen Menge von fünfzig Objekten mit feinster Museumsprovenienz würden sich die großen Auktionshäuser dieser Welt die Klinke in die Hand geben. Ein Erlös müsste zum Bau eines Museums in Abuja reichen, das als Publikumsmagnet Besucher nach Nigeria lockt, pädagogisch wertvoll ist und nebenbei ein paar deutschen Architekten und Kunsthistorikerinnen ein paar Jahre Arbeit beschert. Mit den verbleibenden 50 Objekten wäre ein solider Bestandssockel gegeben.

Leider verschwand nicht nur Herr Köhler, sondern auch der Vorschlaggeber durch Intrigen in der Versenkung. Beteiligt waren dabei auch ein paar Damen und Herren der Wissenschaft, die in dem bereits erwähnten Händlerspielchen profitabel eingebunden waren. Dies nur am Rande, um zu erwähnen, dass hinter den Kulissen, dort, wo instrumentalisierte Aktivisten nichts mehr zu sagen haben, in Westeuropa mit harten Bandagen um Geld und Einfluss gekämpft wird. Viele vermeintliche Gralshüter der Moral müssen sich fragen lassen, für wessen Interessen sie da um Gerechtigkeit kämpfen.

Um ein anderes Beispiel zu nennen, wie es mit Restitution nicht gehen sollte, möchte ich den Dauerbrenner „Thron aus Foumban“ im Dahlemer Museum für Völkerkunde nennen. Ein Geschenk des Sultans von Foumban in Kamerun an seinen hochverehrten Kaiser in Deutschland, mit Gegengeschenk. Nun wird behauptet, der Sultan, ein großer Freund der Deutschen, hätte „unter Druck“ geschenkt. Langsam verschwindet in der kleinen Stadt eine Generation aus biologischen Gründen und ich weiß nicht, wie eine jüngere in Kamerun tickt. Die früheren Würdenträger von Foumban hätten es als Affront erster Güte betrachtet, wenn das Geschenk ihres ehemaligen und hoch geachteten Königs an den deutschen Kaiser gewissermaßen als „wertlos“ zurückgegeben würde. Wozu auch? Was Original und was Replik ist, konnte kein Mensch mehr erklären, aber man könnte sich darauf einigen, dass es völlig egal ist, auf was der heutige Sultan als Regionalmagnat sitzt. Für ihn ist das, was er seit seiner Kindheit in Foumban kennt, ohne Frage sein Original.

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Ursachen von Migration und die Kunst
 
Ein sehr aktuelles Thema, das in Verbindung mit Restitution noch eine Betrachtung verdient. Es ist nicht Flucht vor politischer Repression oder gar Hunger, der sehr viele Afrikaner in Richtung Europa zieht. Es ist in erster Linie das unfassbar große kulturelle Angebot und das an Verdienstmöglichkeiten. Ausser ein paar gebildeten deutschen Mischlingsjugendlichen und Studenten, die ihre Roots suchen, dürfte freilich noch keiner der Afrikaner, die sich heute unter dem Großbegriff „Flüchtling“ sammeln in einem Völkerkundemuseum gesichtet worden sein. Trotz des Interesse an vielfältigem Angebot ist dieses Thema also nicht attraktiv.

Die parallel zu „Raubkunst“, „Kolonialismus“, „Rassismus“, „Restitution“ geführte „Flüchtlings“-Diskussionen stammen aus einer feministisch belegten, international-sozialistischen geprägten Gender-Szene. Sie entstand als Mischung politisch-ideologischer Prägung und protestantisch-calvinistischer Moral und wird verkürzt von vielen als „Links-Grün“ tituliert, obwohl sie mittlerweile frauensolidarisch auch aus christlich-konservativen Kreisen Unterstützung erhält. Wörter und Handlungsanweisungen werden an eine vermeintliche Bringschuld angepasst. Vor diesem Hintergrund entstand auch „Flüchtling“. Man „flüchtet“ aber nicht aus Afrika, sondern man geht von dort irgendwohin, um etwas Besseres zu finden als das, was man hat - und wird von deutscher Politik und genau jener beschriebenen Szene dazu eingeladen. Über die wohlfeilen Alimentierungen und Aufenthaltsrechte hinaus gibt es seitens der neu zugereisten Afrikaner bei genauer Betrachtung keine Forderungen bezüglich alter Kunst, weshalb solche Flagellationen wie „Raubkunst“, “Restitution“ oder „Schutzgesetze“ völlig fehl am Platze sind. Die Selbstbezichtigung hat fast keine Ansprechpartner. Sie dient nur den Vortragenden und hat keine Auswirkung auf sinnvolle Kulturpolitik mit Afrika.

Warum gehen Afrikaner weg? Es ist nur ein winziger Bruchteil, der vor Repression oder gar Hunger flieht. Der Grund liegt, kaum beachtet, wo ganz anders. Afrika hat viel zu wenig bildende Kunst, Literatur, Architektur, Theater, Veranstaltungshäuser, Museen. Über kurz oder lang, bei steigendem Wohlstand, sollte wohl dieser Missstand behoben werden und „Jemand“ muss Initiative ergreifen. Oder man belässt die Situation ohne Einmischung und Unterstützungsangebot wie sie ist, weil man davon ausgeht, dass Afrika mit dem derzeitigen Angebot religiöser Kultur zufrieden ist. Aber auch dann benötigt man die genannten Debatten nicht.

Diese Szene, die sich unter Begrifflichkeiten wie Restitution, Gender, Rassismus oder Postkolonialismus sammelt, weiß nicht, was die eigentlichen Triebfedern sind, weil sie sich, meist mangels ausreichender Kenntnis von Staaten in Afrika, unter falschen Prämissen mit Afrikanern unterhalten. Sie jedenfalls sind keine Hoffnung für eine sinnvolle Entwicklung in Afrika bezüglich Kulturangebot. Weil ein paar zurückgegebene Objekte dieser kleinen Gruppierung vielleicht ein wenig Befriedigung verschaffen würden, aber Afrika keinen Zentimeter attraktiv nach vorne bringt. Was ganz ohne Diskussionen in Afrika wirken wird, ähnlich dem bereits bestehenden Musikmarkt, ist, dass Europäer, Amerikaner und Asiaten fleißig Kulturpolitik betreiben und Unterhaltung und Show auch ein großes Geschäft sind. Geschäft ist Geld und Geld der Grund für Wanderung. Will Afrika seine kreative Bevölkerung im Lande halten, braucht es Raum für ein kulturelles Angebot. Dies muss, will man wirklich sinnvoll unterstützen, gezielter und als Priorität stattfinden.

  Neue Züricher Zeitung

Nachdem sich bekanntermaßen Entwicklungshilfe bei allen, ausser bei denen, die an Entwicklungshilfe verdienen, als unwirksam herausgestellt hat, gilt dies auch für die kulturelle Entwicklungshilfe des Goethe-Instituts als eine von vielen okzidentalen Geldvernichtungsmaschinen. Eine Option wäre, als möglicher logischer Schluss daraus, gar nichts mehr zu tun. Was ich durchaus ernst meine und auch begründen kann, warum nichts produktiver ist als Hemmung. Alles nur noch libertär den Regularien des Marktes zu überlassen. Gehen wir nun aber davon aus, dass das Zusammenwachsen der Kulturen ein langsamer, aber, bis zu einem gewissen Grad, wünschenswerter Prozess ist, sollte man auf deutscher Seite aktiv bleiben und unterstützend auf Anfragen eingehen. Nicht umsonst. Das führt zu nichts und wir haben auch keine Schuld zu begleichen, die dies rechtfertigen würde. Niemand ist mehr Täter, und kein Opfer von irgendwas lebt noch. Man geht nur auf das ein, was gewollt wird, nicht auf das, was wir vorschreiben. Und das kostet.

Wenn beispielsweise Togo irgendwann auf die Idee kommen sollte, sich historisch museal zu betätigen, gibt es in Deutschland Fotoarchive, Bibliotheken und Kunstsammlungen, mit denen man unterstützend wirken kann. Ein Museum soll der Allgemeinheit dienen und nicht von Tresorwächtern geleitet werden. Dass da nun nicht jedes beliebige, einstmals gekaufte Objekt verschenkt werden kann, versteht sich von selbst, denn viele Häuser haben eine alte Sammlungsstrategie, und Schlüsselobjekte dafür sind ohnehin selten in den Archiven.

So seltsam dies in manchen Ohren klingen mag, aber wir sollten bei Theorien der zukünftigen Kooperation auf die damalige Politik der Kolonialzeit zurückblicken um zu lernen und nicht dauernd Schuld dabei suchen. Warum wurden damals Universitäten und Museen angelegt? Wenn man von so unsinnigen überheblich-dummen Marshallplänen und Militärhilfe Abstand nimmt oder von anbiederisch gleicher Augenhöhe als anderem Extrem, kommt man in diesem Rückblick auf erstaunlich viel Positives. Man musste etwas leisten um es zu erwerben und um es dann substanziell zu erhalten. Wir haben in Europa einen zivilisatorischen Vorsprung, der nur von Ignoranten geleugnet werden kann. Diesen Vorsprung können wir, sofern es gewünscht ist - und dies unterstelle ich - durch lokale Innovation verringern. Nicht durch grenzenlose Migration und auch nicht durch paternalistische Selbstbeweihräucherung. Sondern durch sinnvollen Austausch.

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Andere Schwerpunkte statt Rückführungen

Weil niemand mehr von Format wie Ex-Bundespräsident Horst Köhler in der deutschen Politik sichtbar ist, kann aktuell von Deutschland aus auch keine Verhandlung über eine Restitution von alter Kunst mehr geführt werden. Das heißt deutlich, die Diskussionen über Rückführung einfach zu beenden, bis eventuell einmal ein ernst zu nehmender Vorschlag von afrikanischer Seite kommt. Restitution hat keinen Entwicklungseffekt und keine Publikumswirksamkeit.

Dies bedeutet nicht, tatenlos zu bleiben, sondern die Prioritäten auf andere Inhalte zu legen. Weitaus stärker als bisher auf kultureller Ebene. Ständig hört man, bezogen auf Afrika, das dubiose Wort „Ursachenbekämpfung“. Abgesehen davon, dass Kämpfen für Kreative ein meist sehr unnötiges Tun ist, wissen die Wortbenutzer so gut wie nie, über was sie da eigentlich fabulieren. Von Konservativ über Liberal bis Links nichts als paternalistische Einheitssoße mit gutmeinenden Hohlphrasen von „Geld geben“, ohne zu begreifen, dass die Reisenden reisen, weil sie das dafür notwendige Geld haben und noch mehr reisen werden, wenn noch mehr Geld kommt. Die Politik hat keine Rezepte, aber verpulvert Geldmengen unsinnig, während Indien und China in Afrika praxisorientiert arbeiten und den Europäern fast unmerklich geschäftlich den Teppich unter den Füßen wegziehen.

Analysiert man den Bereich, den man zeitgenössische Kunst nennt, wird man schnell feststellen, dass dies von Afrika aus betrachtet ein unbedeutendes, exportorientiertes Unterfangen ist, das als Entwicklungshilfe von länderrepräsentativen Instituten gefördert und in manchen Staaten nur durch sie überhaupt am Leben gehalten wird. Zieht man einige wenige Länder ab, die in Ballungszentren eine winzige Ober- und Mittelschicht haben, die sich Kunst als Dekoration oder, noch seltener, als Wertanlage oder gar idealisiert als Philosophie kauft, bleibt ein Kontinent fast ohne einen internen Bedarf übrig. Es würde zu weit führen, diese Behauptung vor dem Hintergrund der Vergangenheit, der ungeeigneten Architektur und des nicht vorhandenen Kapitaleinsatzes im Detail zu beleuchten, was ich an anderer Stelle gern nachholen werde. Auffällig ist zunächst, dass die wenigen Initiativen, die europäischen Kunstvereinen ähneln und in einigen afrikanischen Staaten aus eigenem Antrieb etwas auf die Beine stellen, sehr oft bei Kunst im öffentlichen Raum landen.

Ich plädiere also, von Deutschland aus das Augenmerk auf Stadtplanung unter expliziter Einbeziehung von Kunst als Erfahrung anzubieten. Explodierende Groß- und Provinzstädte verfügen kaum über sanitäre Konzeptionen, fast keine Parks oder haben nur marginale Verkehrsplanung. Während der Kolonialzeit hat es diese Konzeptionen gegeben. Diese Zeit wird aber wortreich mit negativen Ismen belegt und trübt so den Blick auf Notwendiges. In der Unabhängigkeitsphase sind die wenigen afrikanischen Experten fast überall in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und Städte vergrößern sich ohne Planung. Ein Blick zurück zu früheren Entwicklungen, ohne schuldbeladenen moralischen Ballast, eröffnet hier interessante Perspektiven.

Mit für diesen Vorschlag notwendigen Experten, also Architekten, Managern mittelständischen Firmen, Künstlern, Soziologen, Politikern, Bankern und Händlern könnten Gremien gebildet werden, die über Einfluss, Entscheidungskraft und Budget verfügen. Sollte innerhalb solcher stadtplanerischer Aktivitäten der Bedarf an einem Kunstwerk bestehen, das heute noch in einem Museumsarchiv wartet, so kann ich tendenziell kein Problem darin sehen, im Rahmen eines Verkaufs oder einer Schenkung solch ein Objekt, ebenso frei von moralischem Ballast, von Europa nach Afrika zu verbringen.

  Boulevard Circulaire
  Boulevard Circulaire in Lomé. Angelegt noch in der deutschen Protektoratszeit

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Die erste Phrase, von der man dringend Abstand nehmen muss, ist der großkotzige deutsche Anspruch, das gesamte Afrika beglücken zu wollen, ohne länderspezifische Strategien zu entwickeln. An dieser Stelle möchte ich, gewissermaßen mit erhobenem Zeigefinger, darauf hinweisen, dass bei sämtlichen Kooperationsversuchen zwischen Europa und Afrika - und explizit Deutschland und einige Staaten Afrikas - ständig die Kreativindustrie ausgeklammert wird. Dabei steht gerade sie mit der Struktur von unabhängigen Klein- und Kleinstfirmen den afrikanischen Strukturen und somit planerischen Lösungen am nächsten. Die fragilen Spiele der Hochfinanz, die eine meist europäisch-amerikanisch ausgebildete afrikanische Elite bereichert, ist etwas anderes und schließen meine Vorschläge nicht aus.
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Noch mehr Vorschläge für Kooperationen

Da dieser Artikel zu einer Zeit erscheint, in der die Jugend Afrikas wie Dampf aus einem überquellendem Topf nach Europa zieht und die europäische Politik beginnt, sich in zwei unversöhnliche Lager der Ablehnungs- und Willkommenskultur zu spalten, ohne jeweils eine Perspektive zu haben, betone ich als pragmatischer Kenner sehr vieler afrikanischer Länder, dass die Lösung für Unterstützungen in mittelfristigen Strukturplanungen liegt, die zu einem sehr wichtigen Teil geistreiche Unterhaltung und Pädagogik fördern.

Afrika wird niemals in absehbarer Zeit großflächig zu einem weiteren Warenproduzent der Exportwirtschaft. Die Entwicklung weg von patrimonialen Strukturen geht über subsistenzähnliche Kleinfirmen, die wie in Europa die beruflichen Ausbildungen übernehmen.

Sie laufen parallel mit einer Entwicklung des genossenschaftlich organisierten Manufakturbetriebs und mittelständischer Firmen. Dies hat nichts und gar nichts mit Rückwärtsgerichtetheit zu tun und steht partiellen industriellen Entwicklungen nicht im Weg. Im Gegenteil rekrutieren sich gute Facharbeiter für die Industrie, wie im übrigen auch in Deutschland bis vor kurzem üblich, aus diesen Strukturen.

Architektur
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Und keine Gesellschaft entwickelt sich zu einer gehobenen Kultur ohne die Kunst. Also aufhören mit vollkommen unnötigen Diskussionen um Schuld und Sühne und die Türen aufgemacht für Kooperationen kreativer Menschen in Afrika mit Europa.

Kunst, Design, Handwerk und Architektur heißen die Lösungsworte. Wer etwas Ordentliches gelernt hat, hat weniger Grund in die Fremde zu gehen, und wenn ihn oder sie dennoch die Neugierde nach Europa treibt, können sie und er über ein Visa solide Geld verdienen und müssen nicht Tomaten pflücken, auf den Strich gehen oder Gras verkaufen.

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Letzte Anmerkungen
 

Vieles, was mit Afrika in Deutschland zu tun hat, scheint eine Art von Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen mit vorgeschobenem moralischen Anspruch zu sein, bei denen sich immer mehr Frauen gegenseitig in die Schlüsselpositionen fördern.

Ich erinnere mich, dass früher ein Argument für die Magazinierung von Objekten in Museen war, dass man noch daran forschen wolle. Das ist ein löblich Tun. Würde man es tun. Denn die subsaharische Geschichte lässt sich fast nur an der Kunst erforschen. Doch weder Ethnologie noch Kunsthistorik sind mit Forschung an Objekten zugange oder wenn sie es vielleicht doch sind, dann tun sie dies sehr geheim. In Afrika, im Handel und bei Kunstvermittlern kommt jedenfalls nichts davon an. Ich komme abschließend noch einmal auf Bronzen zurück, um daran einen aktuellen Zustand zu beschreiben.

 

Jede Bronze enthält Details von Geschichten und Geschichte, die auf Mode der Jahrhunderte, auf Feldzüge, auf gesellschaftliche Hierarchien, auf Geschlechterverhältnisse, auf Handel, auf Gesetze verweisen. Selbst sich wiederholende Motive unterscheiden sie sich an Kleinigkeiten. Ich selbst arbeite nun seit über 30 Jahren mit gehobenem Anspruch am Thema Bronzen aus Westafrika und hatte noch niemals, ich betone, noch niemals eine Anfrage von Ethnologen bezüglich Details. Nach fünf thematischen Ausstellungen, jeweils mit großem Presseecho. Ich frage mich ernsthaft, was Ethnologen und Kunsthistorikerinnen, die vorgeben, mit alter Kunst aus Afrika etwas zu tun zu haben, eigentlich arbeiten?

Man könnte nun argumentieren, dass, zwar selten, doch aber hin und wieder, eine ethnologische Ausstellung stattfindet - doch wo waren da neue Erkenntnisse? Die zwei letzten mit Ergebnissen von Forschung, an die ich mich erinnern kann, waren Anfang der 1990er. Eine über nigerianische Bronzen. Bezeichnenderweise aber in einem Schmuckmuseum in Pforzheim. Eine zweite, über Tiere in der afrikanischen Kunst, mit einer halben Million Besucher, kuratiert von Klaus Paysan. Diesmal im Naturkundemuseum in Stuttgart. Aber eine kunsthistorisch ausgearbeitete Ausstellung zu alter Kunst Afrikas ist mir nicht bekannt und mit Ausnahme eines einzigen bemerkenswerten Buches, „Afrika und die Kunst“ über deutschen Sammlungsbestand mit wissenschaftlichen Beiträgen, kam von kunsthistorischer Seite herzlich wenig.

Portugiese auf einem Bronzegefäß
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Bedeutet Kunstgeschichte nun Gender-Forschung in Verbindung mit Beleuchtung des Kolonialismus? Natürlich gab es in den letzten 25 Jahren eine Reihe weiterer Ausstellungen. Doch die brachten nur Dinge aus dem Lager hervor, aber keine Ergebnisse einer Forschung. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt das sehr dicke Buch „Benin - Könige und Rituale§, zweifellos monumental in der Auswahl der Objekte, beigesteuert von mehreren Museen, ist da nichts Neues. Abgesehen davon, dass wegen eines inhaltlich falsch gewählten Titels die Ausstellung in Paris umbenannt werden musste, kam ausser der Monumentalität nichts Neues zum Vorschein. Ein großes Coffee-Table-Book bestehend aus bereits bekannten Objekten und abgeschriebenen, leicht umformulierten Texten. Einzig, und nur darum erwähne ich es, kamen wenigstens Nigerianer zu Wort.

Der letzte, der mit tatsächlichen Forschungsergebnissen aufwarten konnte, war in den 1990er Jahren Dr. Stefan Eisenhofer. Er wurde wegen seiner Nähe zum Handel, die er für seine Forschung zweifellos brauchte, ohne für sich ein Privileg abzuleiten, weiterer Forschungsmöglichkeiten beraubt. Was sehr bedauerlich ist. Er hatte, aus heutiger Sicht, den Fehler gemacht, nicht wie andere Ethnologinnen und Ethnologen seine Kontakte und Pfründe privilegiert zu verstecken.

Darum sollte die in Bezug auf Afrika ohnehin nicht effektiv arbeitende Ethnologie in einem Prozess über 20 oder 30 Jahre aufgelöst werden. Da der Auflösungsprozess völlig neue Perspektiven auf die Magazine eröffnen wird, kann sich diese Dynamik für viele Ausstellungen mit neuen Konzeptionen nutzen lassen. Eine Restitutionsdebatte, wie sie heute geführt wird, kann ebenso einfach beendet werden. Durch den Auflösungsprozess kann in Kooperation mit Wissenschaftlern und Kuratoren anderer Länder über neue Unterbringungen nachgedacht werden.

Ich bitte um ein wenig Phantasie und wünsche angenehme Unterhaltung.

Peter Herrmann. Mitte 2018

 
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